Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden, sie müssen auch gehen. jean paul

Was ist Bobath?

Die Seele der Bobath-Therapie, dasjenige, was sie in ihrem Kern ausmacht, lässt sich gut aus dem Moment ihrer Entstehung heraus veranschaulichen:

1943 wurde Berta Bobath, damals Leitende Physiotherapeutin eines Londoner Krankenhauses, zur Behandlung eines renommierten Porträtmalers hinzugezogen, des 43-jährigen Simon Elwes, der infolge eines Schlaganfalls seit zwei Jahren rechtsseitig gelähmt war. Später erzählte sie: "Anstatt zu tun, was ich gelernt hatte – Übungen zu machen – beobachtete ich den Patienten. Langsam, durch Versuch und Irrtum, durch die Schlüsse, die ich aus meiner Beobachtung zog, begann ich, die Dinge, die er tat, in Beziehung zu setzten zu dem, was ich tat. Das funktionierte besser alles bisher versuchte." Es dauerte 18 Monate, bis sie ihre "Theorie" entwickelt hatte: indem sie ihren Patienten davon abhielt, abnorme Positionen einzunehmen, wurden ihm neue Haltungs- und Bewegungsmuster ermöglicht. Mit voranschreitender Genesung begann der Künstler wieder zu arbeiten, benutze nun seine linke Hand, wurde noch erfolgreicher und einer der Porträtisten des Königshauses.

Entwickelt wurde das Bobath-Konzept in London, doch die Fundamente wurden schon in Berlin gelegt, woher Berta und Karel stammten. Berta Ottilie Busse wurde am 5. Dezember 1907 in eine wohlhabende, deutsch-jüdische Familie geboren und absolvierte eine Ausbildung in Heilgymnastik an der renommierten Berliner Anna-Herrmann-Schule, die heute noch im nordrheinwestfälischen Kerpen existiert. Im jüdischen Jugendclub lernte sie 1924 den ein Jahr älteren Karel (Karl) Bobath kennen, dessen Familie aus Ungarn stammte und den sie anderthalb Dekaden später in London wiedertraf, wohin die Flucht vor den Nazis sie beide auf Umwegen verschlagen hatte. Karel war inzwischen Kinderarzt, und mit ihrer Heirat im April 1941 begann eine fruchtbare Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die erst mit dem gemeinsamen Freitod der beiden im Januar 1991 endete.

Ausgehend von den Erfahrungen im Falle Elwes wandten sich die Bobaths in den späten 40er Jahren der Behandlung von Kindern mit Störungen des Zentralnervensystems zu und stellten bald fest, dass eine frühzeitige Diagnose und Therapie entscheidend für die Zukunftsaussichten des Kindes war. 1951 gründeten sie das erste Therapiezentrum in London, wo sie ihr neuro- und entwicklungsphysiologisches Konzept vor allem bei Kindern mit Zerebralparese anwandten und weiterentwickelten. Sieben Jahre später begann das liebenswürdige Paar seine ausgedehnten Vortragsreisen und machten Bobath so zu einer weltweit anerkannten und praktizierten Therapieform.

Wie funktioniert Bobath?
Was Berta Bobath vor fast siebzig Jahren mit dem gelähmten Maler erlebte, der sich selbst schon aufgegeben und das Sterbesakrament empfangen hatte, ist bis heute der Kern des Konzeptes: im Zentrum stehen die individuellen Fähigkeiten – und nicht die Einschränkungen oder Behinderungen. Das Bobath-Konzept für Kinder richtet sich in erster Linie an Kinder mit Bewegungs- und Haltungsstörungen, die von der normalen kindlichen Entwicklung abweichen. Oft sind diese Abweichungen hervorgerufen durch neurologische Störungen – manchmal sind es aber auch individuelle Entwicklungsverzögerungen am Rande der statistischen Norm, deren Streubreite so gross ist, dass der Kinderarzt und Bestsellerautor Remo H. Largo sogar formuliert:

Normvorstellungen sind Fehlerwartungen. Therapeutische Unterstützung kann in dieser für Eltern und Kind nichtsdestotrotz belastenden Situation Klarheit schaffen und Entwicklungsprozesse unterstützen. Für den Therapeuten ist es zunächst wichtig, Zugang zu dem Kind zu finden. Dazu beobachtet er das Kind auf diversen Ebenen. Diese werden unterschieden als die so genannten KEKS-Ebenen: die körperlich-motorische, die emotional-soziale, die kognitive und die sensorische Ebene. Da Kinder besonders das Lernen, was ihnen Freude macht, ist die Suche nach einem "offenen Kanal" von grosser Bedeutung. Hier findet sich die Motivation, die für das Kind nötig ist, um sich auf die Therapie einlassen zu können. Dabei ist es wichtig fähigkeitsorientiert zu beobachten und zunächst positiv herauszufinden: Das Kind kann....

So lassen sich im Gegenzug auch die Bereiche erkennen, in denen das Kind Schwierigkeiten hat bzw. in denen es Unterstützung benötigt. Je nach Alter und Schädigung können diese sein: bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt, Regulierung der Muskelspannung, Förderung des Gebrauchs von Händen und Füssen, Koordinationsschulung und das Erlernen von Bewegungsmustern wie Stützen, Drehen, Aufrichten, Krabbeln und Gehen. Zur Analyse der Defizite wie zur Dokumentation der Fortschritte werden in unserer Praxis Videoaufzeichnungen genutzt.

Das Kind wird durch dieses individuelle Herangehensweise dort abgeholt, wo es gerade in seiner Entwicklung steht. Im Vordergrund stehen alltagsbezogene Handlungen wie z.B. Spielen, Essen, Anziehen oder Fortbewegung. Ziel ist es, die funktionellen Fähigkeiten zu verbessern und grösstmöglichste Selbständigkeit zu erreichen. Dabei wird auch das soziale Umfeld wie Kindergarten, Schule und Familie berücksichtigt. Das heisst: im Bobath gibt es keine Standardübungen. Über allem steht der Satz, den Berta Bobath noch in einem ihrer letzen Vorträge am Hammersmith Hospital in London 1988 betont hat: Every child is different and needs individual assessment and different ways of treatment.

("Jedes Kind ist anders und braucht individuelle Einschätzung und eine eigene Behandlungsmethode.")

Der "Elternbrief" Bobath als PDF zum Download

Literatur:
Remo H. Largo, Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. München, Zürich: Piper 2001.

Jay Schleichkorn, The Bobaths. A Biography of Berta and Karel Bobath. Tuscon, Arizona: Therapy Skill Builders 1992.

Anne Söller, Zeig, was Du kannst. Ein Buch für Therapeuten, Eltern und Erzieher. München: Richard Pflaum Verlag 2007.

Themenbezogene Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bobath
http://www.bobath.org.uk/
http://www.bobath-vereinigung.de